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Krachende Schwarten?
Ein kritischer Blick auf Mörtel, Putz und Anstriche am Baudenkmal


B a u h a n d w e r k 3/2003 S. 49 ff.
FACHTHEMEN, Anstrich und Putz

Für das Erhalten und Erneuern von Mörtel, Putz und Anstrich am Baudenkmal gelten immer noch die
alten Handwerksregeln. Viele Sanierungsschäden belegen das. Die Gebrauchstauglichkeit der für den
Stuckateur, Putzer und Maler optimierten modernen Fassadenprodukte muss sich an den traditionellen
Baustoffen und Rezepten messen lassen. Es kommt dabei nicht nur auf Handwerkskunst, sondern
natürlich auch auf die Bestandsverträglichkeit an.

Dipl.-Ing. Konrad Fischer,
Architekt,
Hochstadt a. Main

Betrachten wir die in „neuem Glanz“ erstrahlenden, sanierten Fassaden einige Zeit nach ihrer feierlichen Enthüllung, gibt es hin und wieder Überraschungen: Das Mauerwerk bröckelt, Fugen und Putz stehen hohl und rissdurchfurcht, der erst so strahlende Anstrich pellt sich ab wie eine schrumpelige Orangenhaut, ist außen dreckgrün bewachsen, darunter feinstes Mehlkorn. Nanu! Waren nicht ausgesuchte Experten: Mineralogen, Bauchemiker und -physiker, Firmenberater, altbauerfahrene Baubetriebe und Planer, sogar ein Projektsteuerer vorsorglich gutachterlich und baubetreuend eingeschaltet worden – und nun das?

wpe2.jpg (27170 bytes) Mit Luftkalkmörtel und Kalktünche
instand gesetzte Fassade
eines Fachwerkhauses
Foto: Konrad Fischer

Mauerwerk

Vielerlei Kräfte beeinflussen nun einmal die Funktion und Lebensdauer der Fassade: Feuchtebelastung aus Regen und Kondensat, Temperaturänderungen von außen und innen, UV-Strahlen, Eigen- und Nutzlasten mit Druck- und Zugkräften beeinträchtigen ihren Konstruktionsverbund. Gerade am Baudenkmal, das seine Bauqualität oft über Jahrhunderte erwiesen hat, können wir lernen,  worauf es dabei ankommt.

Die alten Baumeister errichteten dauerstabile, trocknungsfähige Fassaden. Sie sollten Kräfte aus der Nutzung und
Wetterbelastung möglichst gutmütig aufnehmen und letztlich in den Baugrund einleiten. Dafür verwendeten sie feste Steine mit geringer Wasserrückhaltung und hohem Austrocknungsvermögen, kombinierten Baustoffe mit eng beieinanderliegender Temperaturdehnung und fügten die Bauteile so zusammen, dass sie den einwirkenden Kräften möglichst lange widerstehen konnten.

So entstand hohe Verbundelastizität mit kapillaraktiv trocknungsförderndem Gefüge aus feinporigen Mauersteinen – vorwiegend Naturund Backstein, oft mit grober Füllung als Schalenmauerwerk. Gemauert und verfugt wurde mit grobporigem Kalkmörtel, dessen Körnung, Porendurchmesser und Festigkeit nach außen abnahm. Das hielt Regenwasser außen, beförderte aber dennoch eingedrungene Nässe schnell heraus, erzielte elastischen Haftverbund bei wechselnden Lastfällen und verkraftete auch die zur Oberfläche ansteigende Temperatur- Belastung.

Die historische Architekturgliederung mit vorkragenden Elementen vom Traufgesims bis zum Sockel sah nicht nur gefällig aus, sondern schützte die Gesamtfassade gegen Wind und Wetter. Die Architekturmode ordnete sich den konstruktiven Erfordernissen unter.

Mörtel für Fugen und Putz

Der Mörtel als wichtiger Bestandteil der Gebäudehaut hat viele Funktionen: schadlose Aufnahme und Verteilung der angreifenden konstruktiven und thermischen Lasten, Abdichten gegen eindringendes Wasser und schnelles Entfeuchten eingedrungenen Wassers. Dafür muss er gleichzeitig fest und elastisch, gleichzeitig wasser- transportierend und wasserabweisend sein.

wpe4.jpg (17918 bytes) Rissabdichtung der Zement-
fugenrisse eines Bruch-
steinmauerwerks
mit Luftkalkschlämme
– Kalksteinfassade
flächig im Steinton,
die Granitsteinfassade
fugensichtig

Foto: Konrad Fischer

Wie lösten das die alten Baumeister? Mit Luftkalkmörtel! Er wird ausreichend fest, um die Lasten vom windumtosten Bergfried bis zum himmelragenden Dom durch die Jahrhunderte zu tragen. Dabei verarbeitet er allfällige Bewegung recht kommod und schließt in einem Selbstheilungsprozess sogar entstandene Risse durch Nachversinterung seiner freien Kalkbestandteile unter Nutzung des dort kapillar eindringenden Wassers. Auf schwierigen Altuntergründen bieten Rohrmattenkalkputze eine bewährte und substanzerhaltende Lösung – innen wie außen.

Doch Vorsicht vor zu harten Rezepten mit Hydraulbindern! Dazu im Gegensatz stehen die maschinengängig feinkörnigen, gar kunstharzverschnittenen Zementmörtel: Sie sind meist zu fest, ihre Wärmedehnung ist gegenüber den Mauersteinen oft wesentlich höher, ihre Kornfeinheit begünstigt die Schwundrissbildung im Frischmörtel, aufgenommenes Wasser halten sie lang zurück.

Deswegen reißen solche Fugmörtel an den Fugenflanken ab, stehen alsbald hohl und wirken dann als kapillaraktive Feuchtefallen. Die Entfeuchtung belastet dann den Stein, der dabei durch Frostangriff und Salzeinwanderung aus dem alkalienreichen Trass- beziehungsweise Zementmörtel seine Oberflächenfestigkeit verliert und verwittert.

Historische Zementfugen gehören aber zum Denkmalbestand. Sie können mit Luftkalktechnik technisch und wirtschaftlich sinnvoll instandgesetzt werden. Fehlstellen und Risse können damit harmlos geschlossen werden, was den zukünftigen Wasserangriff entscheidend begrenzt.

Bei Putzflächen neigt so mancher schnellabbindende, hochfeste und wasserabweisend rezeptierte Nachkriegsmörtel ebenfalls zu Rissnetzbildung, Krusten, Hohlschollen, Versalzung und Frostzermehlung des Untergrunds. Bei gipshaltigem Bestand (nicht untypisch am Baudenkmal) krönt der Zement seinen Substanzangriff dann durch Ettringittreiben.

Die alten Baumeister dagegen konstruierten nach der mittelalterlichen Epoche der Einlagenputze eine trocknungsaktive Mörtel-Kapillarpumpe: das abbindungsfördernde und schwundrissvermeidende Prinzip der Mehrlagigkeit kombinierten sie mit nach außen abnehmenden und dadurch feuchtetransportierenden Mörtelporen.

Dazu brauchte nur der Korndurchmesser des Zuschlags für jede neue Lage etwas verringert werden. Sobald andererseits die äußeren Feinporen im Regen bewässert waren, stoppte der Kapillartransport nach innen – es gibt kapillaren Wassertransport nur von Grob- nach Feinporen, nie umgekehrt. Kalkgebundener Putz und Fugmörtel nimmt Wasser zwar etwas auf, er trocknet aber schnell wieder. Das puffert innen überhöhte Raumluftfeuchte und vermindert außen die Feuchtelast auf Problembereichen wie Gefach-Balken-Fugen im Fachwerkbau oder sonstige nässegefährdete Fassadenbereiche.

Wasserabweisend hochgerüstete Fassadenbaustoffe verkehren das ins Gegenteil. Die schwarzgrün veralgten Schimmelflächen sind bekannt. Ein unter der Hydrophobie schwer trocknender und kaum karbonatisierender Kalkputz wird nicht lange an der Wand bleiben. Hydrophobie heißt nämlich auch Wasserabdichtung nach innen. Wohin dann mit dem unvermeidlichen Porenwasser, wenn der Frost naht?

Und der Anstrich?

Historische Bauten waren ursprünglich meist farbig gefasst. Die dafür üblichen Kalktünchen verstärkten die Kapillartrocknung an der Fassadenoberfläche und hielten sie durch ihren natürlichen Abkreidungseffekt lange ansehnlich. Die Denkmaltümelei der romantischen Architekten hat dies nie wissen wollen und mit Salzsäure und anderen Putzmittelchen das bunte Kleid der historischen Fassaden auf „natur“ gereinigt.

Heute staunen wir, wie derart malträtierte Oberflächen in kurzer Zeit zerbröckeln und verdächtigen unsere Industrieabgase – nie war die Luft sauberer als heute! Holz- und Kohlebrand, Brandrodung und Stadtbrände konnte eine Kalktünche recht gut ertragen – die vaterländische Denkmalhysterie und so manchen schlauen Restaurator schon weniger.

Getoppt wurde dann die Natursichtigkeit mit wasserabweisenden und festigenden Chemietunken auf pottaschenabsondernder Wasserglasbasis beziehungsweise reich versetzt mit synthetischen Polymerdichtstoffen. Das vernichtet die Trocknungsfähigkeit der Fassade, liefert Schadsalzfrachten frei Haus oder löst im dauerfeuchten Milieu hinter der Kunstharzschwarte Alkalien aus den Mörteln. Kondensat kann zwar dank dampfdurchlässiger Beschichtung rein, kondensierte Flüssigkeit jedoch nicht mehr hinaus. Das Rissnetz der gealterten Synthetikschicht nimmt obendrein viel Regenwasser auf. So verkrusten die plötzlich hyperempfindlichen Oberflächen und schälen sich vom entfestigten Untergrund ab.

Mit traditionellen Kalktünchen und handwerksgerechter Pflege stünden unsere geplagten Baudenkmale heute besser da, als nach all den modernen „Denkmalschutz- Wohltaten“. Hier muss der brave Handwerker wieder ansetzen, wenn er das Denkmal pflegen will: Mauern nach alter Väter Sitte mit gutem Stein und Luftkalkmörtel, Putz, Stuck und Anstrich in unverfälschter Kalktechnik.

wpe5.jpg (6642 bytes) wpe6.jpg (12880 bytes)
wpe8.jpg (4566 bytes) Foto links oben:
Putzgrund unter abgeplatztem Sanierputz

Foto rechts oben:
Mit Luftkalkmörtel gelingen Beiputzarbeiten rissefrei

Foto links unten:
Überfeste und -dichte Wasserglasfarbe löst sich
vom Kalkputz einer barocken Klosterfassade

Fotos: Konrad Fischer

Was ist zu tun?

Zunächst einmal sollte ein Denkmalbauherr die Fassade seines Hauses einrüsten lassen, um die wesentlichen Schäden aus der Nähe kennen zu ernen. Dann müssen die Reparaturalternativen mit einem kompetenten Handwerker in Kleinflächen getestet werden. Diese muss man auch überwintern lassen und so Spreu vom Weizen trennen. Alles vorzugsweise in handwerklich traditioneller Reparaturtechnik, wobei die substanzschonende Abnahme bauchemischer Beschichtungen hin und wieder Chemikalien wie Entlacker und Dispersionsabbeizer erfordert.

Wenn klar ist, wie es geht, muss alles kalkuliert, das Baubudget abgesichert und öffentlich detailliert ausgeschrieben werden. Wichtig: Nur Bieter mit den geforderten handwerklich traditionellen Techniken in der Referenzliste des namentlich zu benennenden Vorarbeiters zum Wettbewerb zulassen! Das sichert die zumindest an Baudenkmalfassaden notwendige Qualität und eine kostensichere Baudurchführung zu fairem Preis. Die vielgeliebte beschränkte Ausschreibung oder gar freie Vergabe am Baudenkmal wird zwar gerne als Notnagel für dürftigste Null-Mindestsatz-Planung missbraucht, sie garantiert aber keine Qualität. Das kann nur die exakte, firmenunabhängige unbeschränkte Ausschreibung, die ihren Schwerpunkt auf VOB-getreue Leistungsbeschreibung und verschärften Eignungsnachweis der Bieter legt.

Was aber nicht vergessen werden darf: Jede Technik hat ihre Grenzen. Der Vorteil der Kalktechnik besteht aber darin, im Versagensfall erst mal sich selbst, nicht den Bestand zu opfern. Und das ist schon was – wenigstens am Baudenkmal.

Konrad Fischer
Architektur-& Ing.büro Konrad Fischer
Hauptstr.50, D-96272 Hochstadt/Main


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