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DEBATTE
Abschrift aus der SIA-Zeitschrift "tec21" Nr. 37 vom 14. September 2001

Geht die Wärmedämmung in die falsche Richtung?
Mit dem neuen Bundesprogramm "EnergieSchweiz" soll das Schweizer Volk Energie sparen, um den Ausstoss von Kohlendioxyd (CO2) zu senken und letztlich das Klima zu schützen. In der Schweiz liegt das grösste Energieeinsparpotential bei Heizung und Warmwasser, die rund 50% des Energieverbrauchs ausmachen.

Ein Beitrag zur Frage, ob die Normen SIA 180 und SIA 380/1 bereits überholt seien.

Nebst vielen Einzelmassnahmen setzt man auf verbesserte Wärmedämmung bei Gebäuden und Anlagen. Dabei haben sich die Bauplaner an die Normen SIA 180 und SIA 380/1 zu halten, in denen nach wie vor der U-Wert als dominante Grösse vorherrscht. Dieser Umstand hat u.a. auch die Architektur von Hochbauten nachhaltig verändert.

In der Norm SIA 180 (Ausgabe 2000) ist für opake Aussenbauteile ein U-Grenzwert von 0,4 W/m2K vorgeschrieben, welcher jedoch bereits ein Jahr später in der Norm SIA 380/1 (Ausgabe 2001) auf 0,3 W/m2K herabgesetzt wurde. Darin wird auch der anzustrebende Zielwert nach SIA mit 0,2 W/m2K angegeben. Einige Kantone glauben aber, dass mit dem wissenschaftlich nicht erforschten MINERGIE-Standard noch tiefere Energieverbrauchswerte erzielt werden können. Bereits schreiben Stadt und Kanton Zürich und die Kantone Graubünden und Wallis für öffentliche Gebäude den MINERGIE-Standard als zwingende Planungsgrösse vor. Dieser ist nur mit Wärmedämmstärken von über 20 cm und U-Werten von 0,1 W/m2K einzuhalten. Aus behördlicher Sicht können demzufolge in diesen Kantonen die oben erwähnten SIA-Normen als überholt bezeichnet werden.

Es ist zwar richtig, Heizanlagen, Heiz- und Warmwasserleitungen sowie Estrichböden und Kellerdecken mit wirksamen Wärmedämmungen zu versehen. Im Fassadenbereich sind Dämmstoffe jedoch am falschen Ort, weil damit die Solarstrahlung nicht nutzbar ist, was zu hohen Investitions- und Energieschäden führt. Ausserdem kann im Winter die Raumfeuchtigkeit wegen zu dicker und sorptionsunfähiger Dämmstoffe nicht mehr über die Fassaden nach aussen abgeführt werden, was längerfristig zu Gesundheitsschäden führt (Asthma, Allergien usw).

Wegen eines Wissens-Defizits in der offiziellen Lehrmeinung bei der U-Wert- und Entfeuchtungs-Theorie stellen die Bildungs- und Forschungsinstitute der Schweiz den Solarenergie-Nutzen und die notwendige Sorptionsfähigkeit von Aussenwänden in Abrede. Deshalb wurde in der Norm SIA 180 die Sorptionsfähigkeit von Dämmstoffen als nicht mehr erforderlich erachtet und der über 100 Jahre gültige Grenzwert von 50% relativer Luftfeuchte in Wohnräumen auf über 60% angehoben. Dies im Glauben, dass mit Komfortlüftungen (Bedarfslüftung, kontrollierter Lüftung usw) die Entfeuchtung von Wohnräumen machbar sei.

Hierzulande wurde zudem nie wissenschaftlich-experimentell überprüft, ob die allgemeine Berechnungsweise mit dominanten U-Werten mit dem Energieverbrauch beheizter Gebäude in der Realität übereinstimmt. Ausserdem liegen keine experimentellen Nachweise vor, dass im Wohnungsbau die Raumfeuchtigkeit im Winter - mittels heutiger Lüftungstechnik - auf 35% bis 45% relativer Luftfeuchte gesenkt werden kann.

Der nachfolgende Energievergleich öffentlicher Gebäude in Dietikon beweist beispielhaft, dass die offizielle Lehrmeinung und die damit verstrickte U-Wert-Theorie fragwürdig ist. Bauten der Jahre 1850 bis 1950 verbrauchen infolge einer optimalen passiven Sonnenenergienutzung in der Regel weniger Heizenergie als wärmegedämmte Neubauten und Sanierungen der letzten 20 Jahre.

Fallbeispiele aus Dietikon

Trotz Wärmedämmsanierung im Jahr 1995 für über fünf Millionen Franken ist das Schulhaus Luberzen mit neuen Fassaden- und Flachdach-U-Werten von 0,25 W/m2K der grösste "öffentliche Energieverschleuderer" in Dietikon (siehe Tabelle unten: 1. Mittel-Wert). Vergleicht man nur die vergangenen fünf Jahre, so liegt Luberzen immer noch auf dem zweitletzten Rang und verbraucht vergleichsweise rund fünf mal mehr Heizenergie, als es theoretisch sollte (2. MW).

Auch die 1982 erfolgte Energiesanierung beim Schulhaus Wolfsmatt brachte keine Einsparungen. Mindestens eineinhalb Millionen Franken der damaligen Investitionen waren ineffizient, und, weil die Dauerhaftigkeit diverser Sanierungsmassnahmen nicht beachtet wurde, ist das Schulhaus schon wieder sanierungsbedürftig.

Beim neuen Stadthaus beträgt die Fehlinvestition für das energieunwirksame Zweischalenmauerwerk rund drei Millionen Franken. Nach 20 Jahren werden happige Bauschäden den Ersatz der äussern Sichtbackstein-Mauerschale mit einem gegenwärtigen U-Wert von 0,3 W/m2K erfordern. Das Gebäude verbraucht etwa dreimal mehr Energie, als es nach herrschender Theorie sollte.

Am wenigsten Energie verbrauchen das Alte Stadthaus und das Zentral-Schulhaus. Hätte man das Alte Stadthaus nicht mit weisser Dispersionsfarbe angestrichen, wäre der Energieverbrauch noch geringer. Nach den heutigen Energiegesetzen und Bauvorschriften aber darf man Gebäude in dieser "konservativen" Bauart nicht länger herstellen.

Der hohe Energieverbrauch des 1899 erbauten "Bürohauses" bildet vermutlich die Ausnahme zur oben erwähnten Regel. Mittels Energie-Verbrauchs-Analyse könnten jedoch die energetischen Mängel mühelos bestimmt werden.

Nebst den Fehlinvestitionen kosten die Energieschäden infolge des zu hohen Energieverbrauchs die Steuerzahler in Dietikon folgende (geschätzte) Beträge:

Gebäude
, Kosten:

Schulhaus Luberzen Fr. 5.00/m2a (= rund Fr. 35’000.- pro Jahr)
Schulhaus Wolfsmatt Fr. 1.50/m2a (= rund Fr. 10’000.- pro Jahr)
Stadthaus Neu Fr. 2.50/m2a (= rund Fr. 15’000.- pro Jahr)

Spezifischer Energieverbrauch in Schulhäusern und Städtischen Liegenschaften

Quelle: Offizielle Geschäftsberichte der Stadt Dietikon von 1993 bis 2000

                     

1. MW

2. MW

Rang

Baujahr Objekte
> 1000 m2

EBF

1993

1994

1995

1996

1997

1998

1999

2000

93-00

96-00

96-00

m2

MJ/m2a

MJ/m2a

MJ/m2a

MJ/m2a

MJ/m2a

MJ/m2a

MJ/m2a

MJ/m2a

MJ/m2a

MJ/m2a

1970/95* Schulhaus
Luberzen

6934

945

884

913

783

617

525

455

489

701

574

9

1899/77 Bürohaus
Bremg.-Str. 23

1461

665

785

758

620

567

617

566

531

639

580

10

1966 Altersheim
Ruggacker
7412

471

559

591

617

564

572

544

561

560

572

8

1965 Schulhaus
Fondli

5285

582

539

546

518

430

440

453

391

487

446

7

1992 Stadthaus
neu

6453

     

372

339

392

379

347

366

366

6

1956/86* Schulhaus
Steimürli

4249

307

365

359

422

308

350

365

339

352

357

5

1960/82* Schulhaus
Wolfsmatt

6730

313

345

337

356

332

353

365

309

339

343

4

1992 Stadthaus
total

10609

345

324

342

355

316

355

344

314

337

337

3

1908/32 Zentral-
Schulhaus

13106

263

293

297

302

281

315

364

324

305

317

2

1842 Stadthaus
alt

1064

     

324

245

251

244

222

257

257

1

Bezeichnungen: EBF in m2 = Energiebezugsfläche = Bruttogeschossfläche (BGF)
MJ/m2a = Spezifischer Energieverbrauch pro m2 Jahr, bei "Mittel" aufsteigend geordnet
* = Energiesanierung mit Wärmedämmung und neuer Heizung
100 MJ/m2a = ca. 28 kWh Energie/m2a = ca. 2,8 m3 Erdgas/m2a = ca. 2.8 Liter Heizöl pro m2 und Jahr

Fazit: Wäre die gemäss herrschender Lehrmeinung allgemein verwendete Berechnungsweise nach der U-Wert-Theorie richtig, sollte allgemein – ohne Lüftungstechnik und ohne Einbezug erneuerbarer Energien - ein Energieverbrauch von rund der Hälfte der Altbauten, also etwa 100 MJ/m2a beobachtet werden können. Da der Energieverbrauch von hochgedämmten Neubauten in der Regel aber doppelt so hoch ist wie bei nichtgedämmten Altbauten, ist der Energieverbrauch dieser Neubauten drei bis fünfmal höher, als er theoretisch sein sollte.

Da die neu in Kraft gesetzten Normen SIA 180 und SIA 380/1 wegen des behördlich verordneten MINERGIE-Standards offiziell als überholt gelten und zwischen Theorie und Praxis allgemein ein gewaltiger Unterschied feststellbar ist, sollte dies dem SIA Anlass genug sein, die Anwendungstauglichkeit seiner Normen 180 und 380/1 in der Realität erstmals und vergleichsweise zu überprüfen.

Grafik 1



Der in der Grafik 1 dargestellte energetische Misserfolg ist die Folge der SIA Normen 180 und 380/1. Unter Anwendung der herkömmlichen Baukunst wären die Fehler vermeidbar gewesen.

Paul Bossert, Architekt, Bauingenieur und Energiefachmann,
Oetwilerstrasse 4, 8953 Dietikon Tel. 01 740 83 93 Fax 01 742 04 56

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